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Finanzen

Finanzen: Der KI-Boom läuft auf Pump – Wall Street zweifelt an den Milliarden-Kreisläufen

Broadcom finanziert OpenAI, SpaceX und Nvidia schmieden einen bis zu 40 Milliarden Dollar schweren Chip-Deal: Die KI-Expansion läuft zunehmend auf Pump. Bei Rekordzinsen an den Anleihenmärkten fragt die Wall Street, wie belastbar die Milliarden-Kreisläufe wirklich sind.

<p>Es war eine Woche, in der die Wall Street erstmals laut fragte, was der KI-Boom eigentlich kostet – und wer die Rechnung am Ende bezahlt. Die großen US-Technologieaktien gaben zur Wochenmitte deutlich nach, nachdem ein Bericht die annualisierten Umsätze von OpenAI um 20 Milliarden Dollar niedriger bezifferte als bislang signalisiert. Gleichzeitig schnellten die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit 24 Jahren. Und über allem schwebt eine neue Entwicklung: Der Ausbau der KI-Infrastruktur wird immer häufiger nicht aus Gewinnen, sondern aus Schulden finanziert – in Milliarden-Deals, bei denen sich Tech-Konzerne gegenseitig Geld leihen.</p> <h3>Schulden statt Eigenkapital: Die neuen Deals</h3> <p>Die Liste der vergangenen Tage liest sich wie ein Who-is-who der KI-Industrie: Broadcom und OpenAI haben eine Fremdkapitalfinanzierung vereinbart, SpaceX und Nvidia arrangieren laut Berichten eine Chip-Finanzierung von bis zu 40 Milliarden Dollar, und auch Broadcom und Anthropic verhandeln über ein ähnliches Modell. Das Muster ist stets gleich: Ein Chiphersteller oder Infrastrukturanbieter stellt einem KI-Unternehmen Kapital zur Verfügung – das damit wiederum dessen Chips oder Rechenleistung kauft.</p> <p>Für die Beteiligten ist das zunächst rational. Die Nachfrage nach Rechenleistung übersteigt jedes historische Maß, die Auftragsbücher sind voll, und Fremdkapital ist trotz gestiegener Zinsen verfügbar. Doch an den Märkten wächst das Unbehagen: Entsteht hier ein Kreislauf, in dem sich Umsätze und Investitionen derselben Unternehmen gegenseitig hochschaukeln – finanziert mit geliehenem Geld?</p> <h3>Was „Vendor Financing“ wirklich bedeutet</h3> <p>Das Phänomen hat einen Namen aus der Telekom-Ära: Vendor Financing. Lieferanten finanzieren ihren Kunden die Käufe, um den eigenen Absatz zu sichern. In den späten 1990er-Jahren trieb diese Praxis die Telekom-Blase mit an – als die Kunden zahlungsunfähig wurden, rissen sie ihre Lieferanten mit in den Abgrund.</p> <p>Die Parallele ist nicht eins zu eins übertragbar. Die heutigen KI-Unternehmen erzielen reale Umsätze, die Nachfrage nach Rechenleistung ist physisch messbar, und die Bilanzen der großen Konzerne sind solide. Doch das Grundproblem bleibt: Wenn ein Chipkonzern seinem Kunden das Geld leiht, mit dem dieser Chips kauft, dann ist der ausgewiesene Umsatz weniger robust, als er aussieht. Fällt ein Glied in der Kette aus, trifft es alle.</p> <h3>Die Anleihenmärkte schlagen Alarm</h3> <p>Verschärft wird die Lage durch das Zinsumfeld. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen kletterte in dieser Woche intraday auf 5,36 Prozent – den höchsten Stand seit 2002 –, bevor sie sich zum Wochenschluss auf 5,23 Prozent entspannte. Die sogenannte Term Premium, also die Zusatzvergütung, die Anleger für das Halten langlaufender Anleihen verlangen, erreichte den höchsten Wert seit zwölf Jahren.</p> <p>Das ist Gift für jede schuldenfinanzierte Expansion. Jeder Basispunkt mehr beim Zins verteuert die Milliarden-Deals der KI-Industrie. Fed-Gouverneur Christopher Waller bekräftigte in dieser Woche, dass weitere Zinserhöhungen nötig sein dürften, um die Inflation auf das Zwei-Prozent-Ziel zu drücken – die Märkte preisen mittlerweile drei weitere Zinsschritte im kommenden Jahr ein, beginnend im Dezember. Wer heute auf Pump baut, baut gegen den Zinszyklus.</p> <h3>Die Berichtssaison als Bewährungsprobe</h3> <p>Vor diesem Hintergrund wird die beginnende Berichtssaison zur Bewährungsprobe. Investoren werden den Tech-Konzernen genau auf die Finger schauen: Wie viel vom KI-Wachstum ist organisch, wie viel ist finanziert? Wie lange halten die Margen, wenn die Kapitalkosten steigen? Und vor allem: Wie belastbar sind die gigantischen Investitionszusagen, wenn die Finanzierungskosten weiter klettern?</p> <p>„Die Kursreaktionen zeigen, dass Anleger wählerischer werden – nicht nur, wo sie investieren, sondern auch, welchen Preis sie für künftiges Wachstum zu zahlen bereit sind“, kommentierte Chris Weston von Pepperstone die jüngsten Verkäufe bei Technologie-, KI-Infrastruktur- und Halbleiterwerten. Die Euphorie der vergangenen Quartale weicht einer nüchterneren Prüfung.</p> <h3>Was das für europäische Anleger bedeutet</h3> <p>Auch hierzulande sind die Folgen spürbar. Der europäische Stoxx 600 rettete sich am Freitag zwar mit einem Plus von einem Prozent ins Wochenende und machte damit seine Wochenverluste wett. Doch die Unsicherheit bleibt: Steigende US-Renditen ziehen global Kapital an, und europäische Technologie- und Industriewerte hängen am Tropf der US-KI-Konjunktur.</p> <p>Parallel dazu läuft die klassische Flucht in Sicherheit: Gold kletterte auf 4.220 Dollar je Unze, ein Plus von über einem Prozent in dieser Woche. Auch der Ölpreis bleibt mit Brent-Notierungen um 104 Dollar je Fass hoch – getrieben von der Sorge um den Nahost-Konflikt und die Tankerrouten durch die Straße von Hormus. Zwar sorgte die Aussage von US-Präsident Trump, vor den Kongresswahlen im November keinen Angriff auf den Iran zu starten, für kurzfristige Entspannung. Doch die Märkte bleiben misstrauisch: Schon ein Funke könnte die Energiepreise erneut nach oben treiben – und damit die Inflationssorgen, die ohnehin schon die Anleihenmärkte belasten.</p> <p>Für Anleger heißt das: Diversifikation bleibt das Gebot der Stunde. Wer auf den KI-Trend setzt, sollte genau prüfen, auf welcher Seite der Bilanz das Wachstum steht – beim Kunden oder beim Kreditgeber. Und wer Anleihen hält, findet bei Renditen von über fünf Prozent erstmals seit einer Generation wieder eine echte Alternative zu Aktien.</p> <p>Unterm Strich steht eine unbequeme Erkenntnis: Der KI-Boom ist real, aber er ist nicht mehr selbstfinanziert. Solange die Zinsen hoch bleiben und die Schuldenberge wachsen, wird jede Quartalsbilanz zur Vertrauensfrage. Die Party geht weiter – aber die Getränke werden jetzt auf Kredit serviert.</p>

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